Reisebericht von Ursula und Thomas

Seit unserer Ankunft in Nepal regnet es ununterbrochen, der Monsun hält dieses Jahr um Wochen länger an.
Gleich am ersten Tag in Kathmandu gibt es eine Überraschung, eine der vielen, die uns hier erwarten werden. Wegen eines staatlichen Feiertags, dem "Children's Day", bleiben die Arunima School und die Leading Stars School geschlossen und wir können unsere Kinder nicht besuchen. So lassen wir unseren Nepalaufenthalt langsam angehen. Wir treffen Freunde, kaufen bei Folk Nepal Handarbeiten für unseren Verkaufsstand und lernen Ashok, unseren neuen Projektleiter für die Studenten*innen und Berufsschüler*innen kennen. Wir sind beeindruckt von dem jungen, engagierten Mann und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit ihm. Ashok findet schnell heraus, dass unser Sorgenkind Pratham nun ohne unsere Unterstützung auf einem staatlichen College seinen eigenen Weg geht. Er wollte keines der Colleges besuchen, mit denen wir zusammenarbeiten. Mit unserer Hilfe hat er jedoch einen guten Schulabschluss ("SEE" nach der 10. Klasse) auf der Don Bosco School absolviert. Wir sind etwas traurig über seine Entscheidung, zumal wir ihn und seine an Krebs erkrankte, alleinerziehende Mutter schon seit sieben Jahren kennen.

Als wir in Gorkha ankommen, erfahren wir, dass die Straße nach Amppipal wegen eines Erdrutschs unpassierbar sei. Es regnet weiterhin unentwegt in Strömen und landesweit ist mit Bergrutschen zu rechnen. Deshalb müssen wir unsere Fahrt nach Amppipal um drei Tage verschieben, wieder eine Überraschung! Es bleiben so nur drei Tage für unser Schulprojekt, was sehr bedauerlich ist. Wegen des schlechten Wetters kommt kein Taxi, das uns in die Old Capital School bringt. Das ist Nepal, wie wir es kennen! Wir sitzen hier fest in einem kleinen Ressort mit einem paradiesischen Garten und werden mit dem besten Dal Bhat verwöhnt. Das exotische Gemüse wächst hier auf den Bäumen und wird frisch für uns zubereitet. Auf den Guavenbäumen leuchten gelb die reifen Früchte. Durch ein Wolkenfenster sehen wir kurz schneebedeckte Achttausender. Ein traumhafter Ort zum Verweilen, wenn wir nicht lieber unsere Projekte betreuen wollten ...

Als wir am zweiten Tag nun endlich in der OCS ankommen, werden wir Zeugen der Vishvakarma Puja, die vom Schulleiter, seinen Kollegen und den Busfahrern auf dem Pausenhof abgehalten wird. Alle Schulbusse und Motorräder, die hier in einer Reihe aufgestellt sind, werden mit roter und gelber Farbe bemalt, mit Omzeichen und Blüten geschmückt und die Reifen immer wieder mit Reis und geweihtem Wasser bespritzt. Es ist für uns erstaunlich, wie sehr der Alltag auch hier in der Schule von religiösen Ritualen durchzogen ist.
Die Wiedersehensfreude "unserer" sieben Schüler*innen ist groß, wobei sie eine kleine Enttäuschung nicht verbergen können: Wir haben keine Schokolade für sie mitgebracht.

Am nächsten Tag, dem Constitution Day, ist schulfrei und wir machen mit unseren sechs "Großen ", dem Schulleiter und seiner Frau einen Ausflug zum Gorkha Durbar Square, dem Palast von Prithvi Narayang Shah, dem ersten König Nepals. Wir verbringen noch einen weiteren Tag im Museum mit ihnen, gehen zusammen essen und können uns so besser kennenlernen. Mahendra, der in Chitwan eine Berufsausbildung in "pharmacy" macht, kommt eigens angereist, um uns zu treffen. Wir fühlen uns sehr verbunden mit allen. Rita, Bibash und Samikshya kennen wir schon seit neun Jahren.
Auf dem Weg nach Amppipal besuchen wir Purnima und Ganesh auf dem Pabitra College in Dumre, die dort eine dreijährige Berufsausbildung in "civil engineering " machen.
Nach einer abenteuerlichen Fahrt - wir müssen wegen des Bergrutsches den Jeep wechseln und diese Stelle zu Fuß passieren - kommen wir sicher in Amppipal an. Es regnet weiterhin unaufhörlich…
Unsere Gespräche mit dem Schulleiter der Janata English School (JES) verlaufen sehr erfreulich. Zum Treffen mit dem Schulkomitee erscheinen alle Mitglieder auf die Minute pünktlich, das gab es noch nie! Wir müssen feststellen, dass immer noch eine Klasse in dem zweistöckigen, einsturzgefährdeten Gebäude unterrichtet wird. Die anderen Kinder sind sicher in den neu errichteten Gebäuden untergebracht. Es entspricht nicht alles unseren Vorstellungen von Ästhetik, die Decken und Türrahmen sind nicht gestrichen, überall liegen Backsteine herum, etc., was hier allerdings niemanden zu stören scheint. Der Charme der Schule vor dem Erdbeben ist etwas verlorengegangen.

Wir freuen uns über die vielen Begegnungen mit den Familien und genießen die weiten Wege dorthin durch die Reisfelder und den Dschungel.
Manisha Bhujel, die wir seit April unterstützen, lebt mit ihrer kleinen Schwester bei ihrer Großmutter. Ihre Eltern haben wieder geheiratet und die Kinder zurückgelassen. Was für ein tragisches Schicksal!
Wir besuchen die Familie von Anita Nepali, auch ein neues Mädchen im Projekt. Nach einem einstündigen Fußmarsch mit einer heftigen Monsundusche kommen wir an dem kleinen armseligen Haus an. Anita ist die jüngste von sechs Geschwistern. Sie hat sich einige Tage zuvor den Mund mit heißem Wasser verbrüht und scheint starke Schmerzen zu haben. Trotzdem geht sie zur Schule und nimmt an den Prüfungen teil.

Unsere neunjährige Arbeit hier trägt jedoch sichtbar Früchte.
(Wir berichten in einem separaten Bericht ausführlich über das Projekt.)

Eine unliebsame Überraschung erleben wir auf der Rückfahrt nach Kathmandu. Wir benötigen für ca. 140 Kilometer sechzehn Stunden, da der Prithvi Highway durch den starken Verkehr komplett dicht ist. Es herrscht ein unvorstellbares Chaos und wir sind froh, dass wir die Fahrt heil überlebt haben.

In Kathmandu bleibt uns wegen der Dasainferien nur ein Tag, um die Zwillinge Dawa Nurbu und Dawa Tsering auf der Arunima School und die kleine Sonam auf der Ariya Deep Montessori School (ehemalige Leading Stars School) zu besuchen. Es ist immer wieder beglückend zu sehen, wie gut sich die Kinder entwickeln.

Das nächste Abenteuer lässt nicht lange auf sich warten.
Wir setzen unsere Reise fort in den Dschungel nach Bardiya, ganz im Westen Nepals. Wegen des hohen Wasserstands ist der Fluss nicht passierbar und wir müssen in der Dunkelheit einen großen Umweg durch den Dschungel nehmen. Als unser Fahrer in freudiger Erwartung gerade telefonisch das Dal Bhat in unserer Lodge bestellt hat, lässt sich der Jeep plötzlich nicht mehr lenken und wir bleiben mitten im Busch auf der Straße stehen. Nicht auszudenken, wenn das auf dem Highway passiert wäre! Wir sind mit den Nerven am Ende, finden das Mückenspray nicht, die Schnaken werden jetzt in dieser schwülen Hitze über uns herfallen... Nach anderthalb Stunden kommt jedoch Hilfe und wir können unser spätes Dal Bhat genießen.

Wir starten hier ein neues Projekt in der kleinen Privatschule „Rato Bangala Academy“ in Thakurbaba. (Die Projektbeschreibung finden Sie auf unserer hier auf der Homepage unter Projekte.)

Es regnet weiter und die Wege im Dschungel sind mit dem Jeep nicht befahrbar. Zum Dasainfest wird das Wetter besser, jetzt haben allerdings die Elefanten Ferien. Schade, ein Elefantenritt im Dschungel ist immer ein Highlight. Obwohl dieses Mal die großen Dschungelabenteuer ausbleiben – letztes Jahr hatten wir zwei Tiger gesehen - berauschen wir uns an den Berichten über wilde Elefanten, die schon am frühen Abend ganz in der Nähe von uns ins Dorf kommen, um auf den Feldern Reis zu fressen. Unserem Freund Prem ist auf dem Highway ein Tiger begegnet, der in fünfzig Metern Entfernung gemächlich die Straße überquerte. Das bringt besonders an Dasain viel Glück, denn der Tiger ist das Gefährt der Hindugöttin Durga.

Alles in allem hatten wir eine erlebnisreiche Reise und viel Glück - auch ohne Begegnung mit Tiger.

gez. Thomas und Ursula Ochs

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